Leseprobe

Arbeitstitel: Froschkönig

 

Was sind das für Menschen, die unsere Geschicke in Wirtschaft und Politik in ihren Händen halten?

Nun. Besonders schön sind sie im Regelfall nicht.

Und der Charakter? Na,ja ...
 
Doch Lisa-Marie’s Blick ist ungetrübt. Denn sie sieht ihre Welt mit anderen Augen.

 

Ich hielt mich an der Brüstung fest, stellte mich auf meine Zehenspitzen und sah hinab in das Häusermeer. Noch war die Stadt still. Leise und verschlafen lag sie direkt vor meinen Füßen. So mussten sich früher die Herrscher und Könige gefühlt haben, wenn sie von ihren Burgen und Schlössern auf ihre Untertanen hinabblickten. Ich atmete tief durch und füllte meine Lunge mit der frischen kühlen Luft. Nichts war jetzt wichtig. Das waren die Momente, in denen es für mich keine Zeit gab und ein grenzenloser Friede innewohnte. Wo alles neu begann, wo es still war, wie am frühen Morgen. Deshalb mochte ich den Tagesanbruch, so wie Karl-Heinz. Vielleicht stand er zuhause am Fenster und sah im gleichen Augenblick der aufgehenden Sonne zu. So, wie ich. Ließ es geschehen, dass alle Gedanken schwiegen. Ihn nur die Sonnenstrahlen an mich denken ließen, denn er nannte mich Sonnenschein. Er sagte, wie diese erhelle ich den Tag und aus dem Grau würden Farben. Ich brachte ihn zum Lachen. Mit mir erlaubte er sich Dinge, die sonst nicht auf seiner Agenda standen, die ihn aus seinem selbstgebastelten goldenen Käfig fliehen ließen.
Ich mochte sein untrügliches Gespür, die richtigen Worte zu finden. Überzeugend, mitunter auch scharf wie ein Schwert. Lieben, aber tat ich ihn, weil er war, wie er war und weil er so schön wurde, wenn er lachte.
Ich schloss die Augen und genoss den Augenblick. Vielleicht war Glück so etwas, wie diese Sonnenstrahlen, die auf mein Gesicht fielen. Auch diese konnte man nicht festhalten oder einfangen. Aber sie waren da, jeden Tag aufs Neue.
Es war frisch hier auf der Dachterrasse. Ich zog den Morgenmantel enger und ging zurück ins Wohnzimmer. Vielleicht war Mona schon wach und ich schrieb ihr eine Textnachricht. Bestimmt hatte sie Lust, mit mir einen Ausflug zu machen. Bei dem schönen Wetter konnten wir sogar mit offenem Verdeck fahren. Zu einer Burg, zu den Weingärten oder einem netten Lokal mit Ausblick über den Rhein. Mona würde auch Spaß daran haben. Meine Freundin war in solchen Dingen pragmatisch. Auch wenn sie Karl-Heinz nicht mochte, die Vorteile, die ihr, durch meine Beziehung zu ihm, zuteilwurden, lehnte sie nicht ab. Noch immer teilten wir uns die gemeinsame Wohnung, obwohl ich kaum dort war. Drei Zimmer auf achtundvierzig Quadratmeter in den Häuserschluchten von Köln. Karl-Heinz sagte, Mona wisse durchaus eine Win-Win-Situation zu schätzen. Ich aber fand, dass ich die Gewinnerin war.
Während sie sicherlich noch döste, ging ich ins Bad. Ich wählte aus den Unmengen an Lippenstiften knallig Pink aus. Wühlte mich durch den Kleiderschrank, bis ich schließlich das gefunden hatte, nachdem ich gesucht hatte: das weiße Kleid mit den kleinen rosa Punkten. Aus dem Schrank fischte ich den rosa Cabrioschal und wählte die gleichfarbigen Sandalen. Ich betrachtete meine roten Zehennägel. Hätte ich etwas Rotes zum Anziehen auswählen sollen oder sollte ich die Nägel lieber pink lackieren, während ich auf Monas Antwort wartete? Ich griff nach dem Handy und sah, dass sie bereits meine Textnachricht gelesen hatte. Kurzerhand wählte ich ihre Nummer.
„Überraschung!“
Außer einem verschlafenen Brummen hörte ich nichts.
„Ich hole dich ab“, sagte ich.
„Hmm. Was willst du?“
Fein. Mona war ansprechbar.
„Dich zum Frühstücken abholen.“
„Es ist kurz nach sechs.“
„Schon?“
„Willst du etwa an die Tanke? Alles andere hat doch noch geschlossen.“
„Wir können ins Art-de-doré. Dort im Hotel können wir ab sieben Uhr frühstücken und haben dabei herrlichen Ausblick zum Rhein. Dann können wir uns überlegen, wo wir heute hinfahren möchten.“
„Bist du dir im Klaren darüber, was das Frühstücken dort kostet?“
„Ich lade dich ein.“
„Du meinst, Karl-Heinz tut es.“
„In zwanzig Minuten bin ich bei dir“, sagte ich und legte auf.
Ja, ich war die Gewinnerin. Mein Leben war perfekt. Ich lebte hier in der Wohnung, wie eine betuchte Frau von Rang und Namen. Obwohl genaugenommen nichts darin mein Eigentum war. Nichts gehörte wirklich mir, aber diese Tatsache störte mich nicht weiter. Ich hatte all das uneingeschränkt zur Verfügung und konnte es nicht verlieren, weil es nicht mir gehörte.
Ich summte ein Lied und lief dabei die Treppen zur Tiefgarage hinunter. Zwischendurch hopste ich mit beiden Beinen die Stufen hinab und fand, dass rote Zehennägel in rosa Sandalen gar nicht so schlecht aussahen.
Die Welt war schön. Zu schön, um sich Sorgen zu machen. Viel zu schön, um nicht erlebt zu werden. Das Leben zu wertvoll, als dass ich den Tag mit tristen Gedanken bestreiten wollte. Egal, was es noch parat hatte. Auch wenn Karl-Heinz und ich nie darüber sprachen, wir wussten, dass unsere gemeinsame Zeit begrenzt, dass sie geliehen war.

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