Das Hamsterrad (Auszug II)

 

Auszug aus meinem "Hamsterrad."

Der Geschichte, die ich zu erzählen habe. Geschrieben von der, die ich bin.

 

Ich brauche Hilfe, das wird mir nochmals klar, als ich mit einer Bekannten über meine Stimmungsschwankungen und über meine neuerdings aktiven Waldausflüge spreche. Ich versuche zu laufen, zu schwitzen, mich auszupowern, um wieder Ruhe zu finden. Ich zeige ihr meine Beruhigungstabletten, die ich nur noch sporadisch nehme. Das ist auch besser so, sagt sie. Die können abhängig machen. Es wäre wirklich gut, wenn ich einen Facharzt aufsuchen würde. Aber wen, frage ich sie. Sie zuckt mit den Schultern. Ihr fällt dennoch ein Name ein. Diesen Therapeuten habe sie mal zufälligerweise kennengelernt und er sei nett gewesen, sagt sie.

Ich vereinbare einen Termin bei dem Psychotherapeuten. Es ist eine kleine Praxis. Ich fühle mich komisch, als ich im Warteraum auf einem Stuhl sitze. Ich sehe nur zwei Patienten, einen vor mir und einen nach mir. Wir sehen uns nicht an, sehen aneinander vorbei. Vielleiht weil wir nicht gesehen werden wollen.

Es erfolgt kein Gespräch über die Kindheit oder Traumata, so wie ich es erwartet hatte. Es gibt auch keine Liege, wie ich dies aus Fernsehfilmen kenne. Ich sitze in einem Sessel und erzähle, wie es mir geht: von der Schlaflosigkeit, meiner Unruhe, meiner Teilnahmslosigkeit und von der Angst. Ich habe eine handfeste Depression, sagt der Therapeut. Dann möchte er mir entlocken, ob ich Selbstmordabsichten habe. Ich verneine. Ich bin klar genug im Kopf, um zu wissen, dass ein Ja möglicherweise eine Einweisung in die Klinik zur Folge hat. Er verschreibt mir Medikamente. Ich solle sie erst mal nehmen. Es werde dauern, bis sie helfen. Aber in ein paar Wochen werde es mir besser gehen. Und ich solle anrufen, wenn ich nicht klarkomme, sagt er.

Ich kaufe mir ein Buch über Depressionen. Ich muss wissen, was das ist, was es bedeutet. Ich lese über Burn-out, Depressionen und bipolare Störungen. Über deren Symptome, und dass die Grenzen fließend sein können. Vieles kommt mir bekannt vor: dass mir das Lesen schwerfällt. Meine Überforderung. Meine zunehmende Appetitlosigkeit. Meine Schlaflosigkeit. Ich lese über MAO-Hemmer, Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Über den mitunter schwierigen Weg, die richtigen Medikamente zu finden.

 

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