Das Hamsterrad (Auszug I)

 

Auszug aus meinem "Hamsterrad."

Der Geschichte, die ich zu erzählen habe. Geschrieben von der, die ich bin.

 

„Was machst du für dich? Was ist dein Ding?“, wurde ich gefragt.


Die Frage geht mir nach und ich sehe mich noch heute, wie ich im Vorraum unserer Büros stehe und den Schrank anblicke. Ich bin doch nicht unglücklich. Ich fahre zum Tauchen, setze mich mit auf die Motorradrücksitzbank, wenn mein Mann und ich einen Ausflug machen. Unsere Beziehung ist top! Wir können miteinander: Pferdestehlen und vierundzwanzig Stunden am Tag zusammensein und das wochenlang. Seit fünf Jahre leben und arbeiten wir zusammen. Zu zweit renovieren wir die Terrasse. Der eine schleift, der andere streicht. Wo einer von uns ist, ist der andere nicht weit. Ich bin davon überzeugt, wenn wir uns alles sagen, egal was, wissen wir, was den anderen bewegt. Dann sind doch Missverständnisse so gut wie ausgeschlossen. Und ich kann nur das von dem anderen erwarten, was ich selbst bereit bin zu geben.


Was soll ich denn wollen? Ich schüttle den Kopf. Es ist gut so, wie es ist. Mein Ding? Zählen denn die kleinen Dinge nicht? Im Sommer meine Bohnen, die sich um das Terrassengeländer ranken? Die Blumenzwiebeln, die ich im Vorgarten verbuddelt habe? Bücher, die ich gerne lese. Zwischen Romanen stehen auch Ratgeber und Sachbücher. Nur in letzter Zeit nahm ich mir kaum Zeit dazu. Höchstens für leichte Kost. Es gibt viele Dinge, die mich interessieren. Fragen, die mich beschäftigen. Sind die Lipidsenker, die meinem Mann verschrieben wurden, in seinem Fall wirklich sinnvoll? Ich will wissen, was ist gesunde Ernährung. Obst und Gemüse? Ich will wissen, was Schüßlersalze sind, von denen so viele Menschen gerade sprechen. Ich will wissen, was Menschen berichten, die bereits klinisch tot waren. Ich will wissen, woher die Bohne weiß, dass es Zeit ist zu keinem, wenn die Bodentemperatur dafür geeignet ist. Ich will wissen, was das für ein Vogel ist, der an unserem Vogelhaus zu Besuch kommt. Ich will wissen, was Buddha gelehrt hat. Ich will wissen, was das für Menschen sind, die Amok laufen und dabei Menschen erschießen. Kurzum, ich möchte Himmel und Erde verstehen.


Ich sehe den Schrank an und ich weiß, dass ich meinen Mann nicht für alles begeistern kann. Aber ich könnte das eine oder andere Thema aufgreifen. Ein wenig Zeit für mich. Es gibt viele Angebote, Vorträge, Ausstellungen, Kurse und Informationsveranstaltungen. Und ich könnte Menschen kennenlernen. Abseits von unseren gemeinsamen Bekanntenkreis.
Ich wohne in einem Ort, indem ich nicht aufgewachsen bin. Wenn ich durch die Stadt gehe, treffe ich niemanden aus meiner Kindheit oder Schulzeit. Niemanden, den ich nicht durch meinen Mann kennengelernt habe. Meine Kontakte zu meiner Heimat sind spärlich, beschränken sich auf wenige Telefonate. Es ist ein wunder Punkt, dass ich Österreich verlassen und meinen Eltern den Rücken gekehrt habe. Ich wollte mein eigenes selbstbestimmtes Leben und das hatte ich jetzt.
Was soll ich denn Großes wollen? Eine Weltreise? Das einzig Große, von dem ich träume, ist ein eigenes Haus. Ein Stück Sicherheit, ein Stück Mein. Aber das ist nicht so einfach. Das richtige Objekt, eine schöne Lage, eine durchdachte Finanzierung. Ich seufze. Die nächsten Runden im Hamsterrad wären damit gebucht. Aber was soll es? So ist das Leben. Es gibt nichts umsonst.

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