Was passiert, wenn man ein Manuskript persönlich bei einer Agentur vorbeibringt ...

 

Klopf, klopf.

 

Nachdem ich einem Herein folge, stehe ich einer Frau gegenüber.
„Sie haben einen Termin?“, fragt sie mich.
„Nein. Ich wollte nur schnell mein Manuskript vorbeibringen“, versuche ich mein unangemeldetes - und so, wie es scheint - mein nicht gewünschtes Erscheinen zu argumentieren.


„Ah, Sie wollten sich das Anschreiben sparen“, stellt sie fest und hält ihre Hand ausgestreckt. Sie nimmt mein Manuskript und schleudert es, ohne es eines Blickes zu würdigen, auf einen Stapel. Das Schild mit der aufgeklebten Mülltonne direkt über den beinahe zwei Meter hohen Turm irritiert mich gewaltig.


„Wir bekommen über tausend Manuskripteinsendungen im Jahr“, sagt sie und blickt gespannt in ihren Computerbildschirm. In der Spiegelung des Fensters sehe ich, wie sie das Herz-As auf einen virtuellen Kartenstapel schiebt.
„Wir sind ausgelastet. Wir haben viel zu tun“, erklärt sie weiter.
Während meine Hand immer länger und länger wird, sage ich: „Mein Manuskript heißt: Ich bin Lisa-Marie.“


„Klingt sexistisch. Wir machen keinen Schweinekram.“
Meine sehr, sehr lange Hand zieht mein Manuskript wieder vom Stapel. Ich drücke es an die Brust.
„Ich denke, es ist eher etwas für Frauen“, beginne ich zu erklären.
„Herz, Schmerz?“, fragt sie, ohne aufzublicken.
Ich bleibe ihr auf die konkrete Frage eine Antwort schuldig. Stattdessen sage ich: „Ich habe mit Herz geschrieben. Es steckt viel von mir selber drinnen.“


„Eine Autobiographie?“
„Nein“, schüttle ich den Kopf und erblicke das strahlende Konterfei von Dieter Bohlen, das über einen angehäuften Berg von Manuskripten prangt.
„Ich bin eine ganz normale Frau“, sage ich, während mich ein – im Bilderrahmen gerahmtes - Alpha-Tier eindringlich anblickt. Hatte ich es richtig formuliert? Oder hätte ich lieber: „Ich bin eine total unterfickte Lauch*In“, sagen sollen? War das die neue zeitgemäße Formulierung für Debütantin? „Zusammen mit meinem Mann führe ich ein IT-Unternehmen. Wir machen Software“, sage ich.
„Und da sind Sie nicht ausgelastet?“
„Doch“, sage ich.
„Eben deshalb“, füge ich hinzu.
„Es gibt jetzt eine Software, die erkennt automatisch Bestseller. Allerdings hatte Fitzek im Test nur einen Score von 72. Er wäre somit durchs Raster gefallen.“


Ein Hoffnungsfunken keimt in mir auf und ich drücke ihr erneut mein Manuskript in die Hände. Dann klingelt jedoch ihr Telefon und meine Ausführungen über meinen Roman bleiben weiterhin unausgesprochen. Stattdessen richtet sie sich beim Sprechen auf und ich erkenne einen verbalen roten Teppich, den sie lächelnd durchs Telefon schiebt.


Zum ersten Mal sehe ich mich im Raum um. Statt der erwarteten Unmenge von Büchern blicken mich Aktenordner an. „Lizenzgebühren, Marktforschung, Trends, Bestseller“, lese ich. Im goldenen Bilderrahmen möchten mich Zertifikate, Auszeichnungen, Buchpreise und Ken Follett beeindrucken.


„Das war der Verlagschef von“, sagt sie, nachdem sie das Telefonat beendet hat, und nennt mir einen bedeutenden Verlag.
Eben deshalb, denke ich, habe ich mein Buch geschrieben. Vorstandsdirektoren, schimmernde Visitenkarten, der Glanz und Ruhm, Geld und Macht versus eines aufgeweckten Herzen.
„Ach, Sie haben eine Message“, stellt sie mit kurzem Blick in mein Exposé fest und das Manuskript landet auf den Stapel über dem „Klug“ steht und eine Toilette darunter abgebildet ist.
„Nein“, sage ich kopfschüttelnd.
„Kleinkunst, Comedy?“
„Nein!“, schreie ich jetzt und wache auf.

 

Schweißgebadet liege ich im Bett. Ich wache jede Nacht auf. Hormonbedingt. Frau wird schließlich nicht jünger. Aber eines macht sie weiterhin: Träumen, solange bis tatsächlich ein Stern vom Himmel fällt.

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