Leseprobe

Als Lisa-Marie anlässlich des sechzigsten Geburtstags von Karl-Heinz das Haus der Familie Danzenberg betritt, ahnt niemand, dass sie seine ehemalige Geliebte war.

Fünf Menschen, drei Tage und eine Geschichte. Diese wird getragen von Erinnerungen und den Gedanken der beteiligten Personen. Jeder erzählt seinen Part, seine Version, die schlussendlich Teil des Ganzen ist. Ein Cocktail von Erinnerungen, Gefühlen und Emotionen, über den resümiert und gelacht werden darf.

 

Jetzt stand ich tatsächlich vor seinem Haus. Dem Haus, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich jemals einen Fuß hineinsetzen würde.
Noch waren meine Füße und mein Koffer auf der Straße und ich konnte es mir überlegen, ob ich es wirklich machen wollte und ob es eine gute Idee gewesen war, hierherzukommen.
Ich rollte meinen Koffer vor zur Gartentür. Das Haus war umgeben von einer Mauer, deren Höhe einen davon abhielt, Blicke ins Innere zu werfen. Auch Gartentür und Einfahrtstor waren aus weißem blickdichten, glänzenden Metall. Die Mauer behütete das Grundstück und schützte die Privatsphäre der Menschen, die darauf lebten. Das Klingelschild mit dem Namen „Danzenberg“ war das Einzige, das etwas verriet. Man kannte diesen Namen. Für jeden, der in Wirtschaftsmagazinen blätterte oder mit der Apurax-AG, einem der größten Stahlwerke in Deutschland, zu tun hatte, war Danzenberg ein Begriff. Hinter dieser Mauer wohnte der Konzernboss, der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Danzenberg, der jedes Jahr für seinen Job Millionen einstrich, mit seiner Familie.
Ich, Lisa-Marie Stern, würde jetzt, falls ich mich dazu durchrang, auf den Klingelknopf zu drücken, drei volle Tage und Nächte in seinem Haus verbringen. Fast vier Jahre waren vergangen, seit ich Karl-Heinz das letzte Mal gesehen hatte. Ich spürte, wie mein Pulsschlag anstieg und meine Halsschlagader zu pochen anfing. Ich hatte wirklich keine Ahnung, was mich erwartete. Er hatte mich gebeten zu kommen und ich war seinem Wunsch ohne zu zögern gefolgt. Genauso wenig überlegte ich jetzt, sondern drückte meinen Finger geradewegs auf den Klingelknopf.
Es dauerte einen Moment, dann summte der Türöffner. Ich öffnete die Gartentür und das erste Mal in meinem Leben sah ich sein Haus. Modern, großzügig und luxuriös stand es vor mir. Genau so hatte ich es mir vorgestellt. Genau so sahen Traumhäuser aus, wenn Geld keine Rolle spielte. Ich atmete tief durch.
Während ich die ersten Schritte ging, trat Karl-Heinz aus dem Haus. Der Mann, den ich geliebt hatte und mit dem ich durchs Feuer gegangen wäre. Er ging mir entgegen und seine Schritte wurden schneller, schneller und schneller. Ich löste die Hand von meinem Koffer, ließ ihn stehen und lief auf ihn zu. Dann standen wir uns gegenüber. Mein Gott, es war schön, ihn zu sehen!
Ich wusste nicht, wessen Blicke auf unserem Wiedersehen ruhten, deshalb lächelte ich nur vorsichtig, während mein Herz Purzelbäume schlug und mein System Achterbahn fuhr. Karl-Heinz umfasste mit beiden Händen meine Finger und betrachtete mich. Ein Strahlen machte sich in seinem Gesicht breit.
„Schön, dass du da bist“, sagte er. Er sagte es genauso, wie er es früher immer zu mir gesagt hatte. Genau so. Und es fühlte sich an, als seien inzwischen keine Jahre verstrichen.
„Komm, lass dich umarmen, mein Sonnenschein“, flüsterte er und drückte mich an sich.
Automatisch umschlossen meine Arme seinen Rücken. Sein Geruch war mir noch immer vertraut und ich spürte seinen Atem auf meiner Wange. Er drückte mich fester, hob mich vom Boden hoch und drehte sich mit mir im Kreis. Nur mit Not unterdrückte ich einen Freudenschrei. Aber ich war mir sicher, dass er ihn trotzdem gehört hatte. Er musste ihn gehört haben.
„Komm, es wird Zeit, dass du Isabell kennenlernst“, sagte er, als er mich wieder absetzte. Er lächelte mir zu, während er meinen verwaisten Koffer nahm.
Alles ist gut, sprachen seine Augen. Die Angst vor dem Zusammentreffen mit seiner Familie lag mir auf der Seele. Der Familie, deren Existenz er mir nie verschwiegen hatte. Von der ich nur das wusste, was er mir erzählt hatte: Alltägliches und Lapidares. Der Familie, die von mir keine Ahnung hatte. Aber sein Blick sagte mir, dass ich mir keine Sorgen machen sollte. Karl-Heinz hatte mich eingeladen. Er hatte übermorgen Geburtstag. Zum sechzigsten Mal. In Bezug auf Geburtstage hatte er mir einige voraus. Fast doppelt so viele, denn ich brachte es erst auf zweiunddreißig.
Ich folgte dem Mann, den ich so lange nicht mehr gesehen hatte, in sein Haus. Und ich gestand mir ein, dass ich mich trotz des mulmigen Gefühls, das mir die bevorstehende Begegnung mit seiner Frau bescherte, auf die kommenden drei Tage und die Zeit, die ich mit ihm verbringen konnte, unbändig freute.

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