Kürbiszeit

Kürbisse. Ich stecke eins – zwei – drei – vier und dann noch einen und noch einen Kürbiskern in ein Pflanzgefäß. Wenn alle aufgehen, habe ich mehr Kürbisse, als mir lieb ist. Trotzdem. Ich nehme die Schale und stelle sie an das Fenster.
Tage später strecken alle sechs ihre Keimblätter aus der Erde. Ich gieße sie. Egal. Irgendwo wird sich ein Platz finden, auch wenn sie größer werden. Und sie können sehr, sehr groß werden. An dem Tag, an dem ich dann die Kürbisse ins Freie setze, suche ich nach einem passenden Ort. Einer davon ist im Gemüsebeet. Neben den Kartoffeln. Das wird schon irgendwie gehen, denke ich. Der nächste Platz ist am Zaun. Pflanze drei und vier kommen auf die Terrasse zu den Winden und Feuerbohnen. Diese wachsen am Seil nach oben, während der Kürbis sich nahe der Erde ausbreiten kann. Für die Pflanzen fünf und sechs finde ich auch einen Platz. Der Nachbar freut sich über das Geschenk.


Mittlerweile ist Hochsommer und aus meinen Pflänzchen müssten schon stattliche Kürbispflanzen geworden sein. Die im Gemüsebeet vegetiert so vor sich hin. Sie hat ein paar Blüten, aber sie ist sehr klein. Das wird noch, hoffe ich. Der Pflanze am Zaum geht es nicht viel besser. Im Gegenteil. Unscheinbar, eigentlich gar nicht mehr vorhanden, segnet sie gerade das Zeitliche. Die beiden auf der Terrasse machen einen erfreulicheren Eindruck. Zumindest was das Blattwerk betrifft. Ich schaue mir die Blätter der ersten Pflanze an. Ungeziefer! Es ist auch kein Wunder, die Winden haben den Kürbis überwuchert. Dem zweiten geht es jedoch besser. Er hat sogar zwei Kürbisse. Einer ist schon apfelsinnengroß und der andere mickrig. Ich hole eine kleine Kiste, die ich als Stütze unter dem Kürbis schiebe, damit er nicht mehr in der Luft hängt.
Eine Woche später begutachte ich erneut die Kürbisse auf der Terrasse. Leider muss ich feststellen, dass der kleinere Kürbis abfällt. Zuwenig Wasser? Vermutlich. Während sich die Winden und Bohnen aus dem Wasserreservoir der Pflanzgefäße begnügen können, reicht das der Kürbispflanze offensichtlich nicht. Ich hole die Gießkanne und gieße ausgiebig. Entschuldigung, murmle ich.
Bevor ich mich abwende, betrachte ich den Kürbis. Schön ist er. Ich freue mich. Er ist kräftig und steckt voll im Wachstum. Für wenige Cents werde ich im Herbst Kürbisse im Supermarkt finden. Meine Arbeit hat einen einzigen Kürbis hervorgebracht. Schlechter Stundenlohn! Kostenrechnung: negativ. Biologisch? Ja, aber biologische Ware bekomme ich auch anderswo. Sind meine besser, frischer, gesünder? Auch hier viele Fragezeichen. Oder ist es der Spaß an der Freude? Wahrscheinlich. Obwohl das regelmäßige Gießen, Hegen und Pflegen mir einiges abverlangt.


Ich betrachte den Kürbis. Ich knie mich nieder und berühre ihn. Mein Finger streicht über seine Schale. Sie ist zart wie ein Babypopo. Noch ist seine Farbe hell und die feinen Muster, die sich auf ihm abzeichnen filigran. Ein Geschenk der Natur, welches einem Wunder gleicht.
Ich muss aufhören zu werten, zu katalogisieren, mich aus dem wirtschaftlichen Denken lösen und nicht mehr Leben in jeglicher Form zur Sache degradieren. Vielmehr begreife ich, wie einzigartig, wie wertvoll ein Kürbis, ein Regentropfen und das Leben selbst ist. Denn es ist ein Wunder.

 

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