Die Befindlichkeit der Waschmaschine

 

Scheiß Tag, denke ich und schiebe die Dokumente vor mir zur Seite. Ich spitze die Lippen, verschränke die Arme über dem Kopf und überlege, was ich als nächstes tun sollte. Kaffeepause wäre gut, doch dann rufe ich den Kunden an, der schon längere Zeit auf meinen Rückruf wartet. Kurz kläre ich mit ihm sein Anliegen. Den Rest des Gespräches, und das ist der überwiegende Teil, höre ich ihm zu. Das Ganze hat zwar nichts mit mir zu tun, aber offensichtlich erkennt er in mir eine willige Zuhörerin. Ich erfahre Privates, dann lässt er Dampf über seine beruflichen Herausforderungen ab. Es läuft nicht rund und es ist nicht einfach, alle unter einen Hut zu bringen. Immer wieder sind einzelne Kollegen und Mitarbeiter überlastet, launisch, demotiviert oder mit anderem Kram beschäftigt. Nichts Neues, denke ich und werfe einen Blick auf die Uhr. (...) Ich drehe ungeduldig den leeren Kaffeebecher auf dem Untersetzer. Tja, heute ist mein sonst kurzangebundener Kunde eine richtige Plaudertasche, folgere ich als alte Hobbypsychologin.


Wie es mir geht, verrät mir meine Waschmaschine. Bereits morgens. Wahrscheinlich kennt sie mich besser, als mir lieb ist. Sie hat ein angeborenes Talent, mich psychoanalytisch zu durchleuchten. Ich brauche nur einen Blick in den Wäschekorb zu werfen, schon offenbart sie mir meine Stimmung.

 

„Ich will nicht“, sagt die Waschmaschine und verschränkt ihre Arme. Sie zieht einen Nasenflügel hoch und eine Welle voll Unbehagen trifft mich. Es ist keine gute Idee, sie zur Arbeit zu zwingen. Mürrische Waschmaschinen behandeln meine gute Wäsche wie Geschirrtücher. Ich traue ihr durchaus zu, dass die vor Kurzem im Flusensieb gefundene Socke aus Rache dort gelandet ist. Ich wende mich von ihr ab und lasse Wäsche Wäsche sein.

 

Anderen Tags verblüfft sie mich wieder. Während ich die Wäsche sortiere, öffnet sie selbstständig die Tür. „Dachte schon, du hast mich vergessen“, flüstert sie. Schön, denke ich und entscheide mich, meine Lieblingswäsche zu waschen.

Wer versteht schon Waschmaschinen und ihre täglich wechselnde Launen?

 

Eigentlich möchte ich weiße Wäsche waschen, aber sie verschränkt die Arme und schüttelt den Kopf. Sie schielt beharrlich auf die rot sortierte Wäsche. Ich seufze. Diesmal ist sie stur. „Du willst Rot?“, stelle ich genervt fest. Sie nickt und öffnet erst ihre Arme, nachdem ich mich anschicke, ihrem Wunsch nachzukommen.

 

Tage später türmt sich wieder einmal der Wäscheberg. Es ist kein Wunder, denn in meinem Schrank herrscht gähnende Leere. Ein schlechtes Gewissen macht sich in mir breit. Womit soll ich beginnen? Mit der Feinwäsche oder mit der blauen Wäsche? Ich werfe einen fragenden Blick zur Waschmaschine. Sie sieht zur Seite und schweigt. Während ich sie weiter anstarre, pfeift sie ein paar Töne. „Hallo!“, sage ich etwas lauter. „Ja, ja“, antwortet sie. Schließlich wendet sie sich mir seufzend zu und schaut mich pflichtbewusst an. „Geht doch“, raune ich ihr zu.

 

Warum dachte ich noch, dass mir der Wäscheberg über den Kopf wächst? Diesmal finde ich, dass er gar nicht so groß ist. „Her damit!“, sagt die Waschmaschine. Dabei sieht sie mich auffordernd an und streckt ihre Brust nach vorne. Während ich die Wäsche sortiere, klopft sie ungeduldig mit den Fingern auf den Boden. „Hey, was ist denn mit dir los?“, frage ich sie. „Es ist Waschtag“, antwortet sie. Wunderbar, denke ich und weiß, dass sie es heute besonders genießt, im Schleudergang ihre Runden zu drehen.

 

Es ist nicht einfach mit der launenhaften Waschmaschine. Aber alle meine Versuche, sie zu disziplinieren, schlagen fehl. Ich überlege, ob es am Sonnenstand, am Wochentag, am Arbeitspensum oder an der persönlichen Anrede liegt.
Ein Plan! Natürlich! Sie braucht einen Plan. Eine Arbeitsanweisung, wann sie was zu tun hat. Sie ist doch eine Maschine. Mehr nicht. Wo kämen wir da hin, wenn alle Waschmaschinen nach Laune arbeiteten? In einer Arbeitsanweisung gibt es keine Spalte für persönliche Befindlichkeiten. Nur einen Strich, unter dem das Ergebnis steht: Samstag muss der Wäschekorb leer sein.

In diesem Zusammenhang fällt mir eine Tafel ein, die ich bei einer Bekannten in der Küche entdeckt habe. Montag: Wäschewaschen, Dienstag: Aufräumen, Mittwoch: Bügeln, usw. Ein Disziplinierverfahren für die wenig ambitionierte Hausfrau. Sozusagen ein Must-Do für den Schweinehund.


Meiner muss mich auch ertragen. Und doch kann ich ihn verstehen, während ich ihn herumscheuche. „Wie verrückt bist du eigentlich?“, raunt er mir regelmäßig zu. „Aber, ich muss … ich sollte …“, sage ich zu ihm und er hört sich geduldig meine Litanei an. „Du bist ein dressierter Hamster“, lacht er über mich. „Ja, aber …“, sage ich und breche im Satz ab. Ein dressierter Hamster? Bin ich das?
„Und wehe, du läufst nicht die täglich vorgeschriebenen Runden“, sagt er mit erhobenem Zeigefinger. Er grinst mich an und schneidet eine Grimasse. Ich denke an die Liste, die ich für die Waschmaschine schreiben will. Pfeif auf das Disziplinieren, beschließe ich. Ein Hoch auf ihre Launen und Marotten. Ein Hoch auf dressierte Hamster im roten Pyjama. Will ich der Waschmaschine das nehmen, was sie von einer Maschine unterscheidet? Statt eine Arbeitsanweisung für sie zu erstellen, male ich ihr ein Gänseblümchen, die Freiheitsstatue, einen Stinkefinger und einen Buddha auf die Lackierung. Vielleicht verstehen Waschmaschinen mehr vom Leben, als man allgemein denkt.

 

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